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Interview
Doris Dörrie: Mit schlafwandlerischer Haltung an die Arbeit
Von Redaktion | 16. Februar 2010    Drucken eMail
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Doris Dörrie machte Abitur an der Sophienschule in Hannover, danach folgte ein zweijähriger Aufenthalt in den USA, wo sie Schauspiel und Film in Kalifornien studierte. Zurück in Deutschland begann sie 1975 ein Studium an der Hochschule für Fernsehen und Film in München und schrieb nebenbei Filmkritiken. Anschließend arbeitete Dörrie als freie Mitarbeiterin für verschiedene Fernsehsender und drehte kleinere Dokumentarfilme. Es folgten diverse Filme und einige Bücher. Zu ihren bekanntesten Werken gehören unter anderem die Komödien Männer und Ich und Er. Doris Dörrie lebt heute mit ihrer Tochter in München. Mitte Februar kommt ihr neuer Film Die Friseuse in die Kinos.

COCKTA!L Die Friseuse ist Ihr erster Film, für den Sie das Drehbuch nicht selbst geschrieben haben. Woran mangelte es den Büchern, die Ihnen früher angeboten wurden?

Doris Dörrie Ich hatte nie das Gefühl, dass ich einer bestehenden Geschichte meinen Blick hinzufügen konnte oder wollte. Außerdem spürte ich, dass ich durch die Bücher, die mir sowohl in Amerika als auch in Deutschland angeboten wurden, nichts Neues lernen konnte.

COCKTA!L Wodurch hat Sie Die Friseuse überzeugt?

Doris Dörrie Ich habe mich von der Figur entzünden lassen. Laila Stieler hatte das Buch noch gar nicht geschrieben, als sie mir zum ersten Mal davon erzählte. Sie hat in langen Gesprächen eine real existierende Friseurin porträtiert, und die war so echt, humorvoll und aufregend anders in ihrer Art, dass ich Laila gesagt habe: Wenn das Buch fertig ist, stell ich mich sofort in die Schlange derer, die es verfilmen wollen. Zum Glück stand ich an erster Stelle. Als ich das fertige Buch gelesen habe, wusste ich: Auf diese Expedition in ein für mich exotisches Gebiet, nämlich in den Osten, möchte ich gern gehen. Dort kann ich frisch gucken, denn den Osten kannte ich kaum. Über so eine Person wie diese Friseuse möchte ich gern mehr erfahren.

COCKTA!L Warum wollten Sie mehr erfahren?

Doris Dörrie Meine Tochter kam 1989 zur Welt, also im Jahr des Mauerfalls. Damals dachte ich: Jetzt wird alles anders in Deutschland und es entsteht etwas Neues. Aber in München, wo ich nun einmal lebe, ist bis heute wenig von diesem neuen Deutschland zu spüren. Dieser Film hat mir 20 Jahre später die Gelegenheit gegeben, mich mit ostdeutschen Biografien auseinanderzusetzen. Etwas genauer kannte ich die Biografien von ehemaligen vietnamesischen Vertragsarbeitern, über die ich in → Hanoi mal ein langes Hörfunkporträt gemacht habe. Unsere Verständigungsschwierigkeiten waren oft nicht die zwischen Asien und Europa, sondern zwischen Ost- und Westdeutschland.

COCKTA!L Was ist typisch für Ostbiografien?

Doris Dörrie Genauso wenig wie Wessis definieren sich Ossis ausschließlich über ihre Herkunft. Ein großer Teil der Geschichte von Kathi König könnte auch in Köln oder → Hannover spielen. Marzahn allein erklärt nicht, wie diese Person handelt, denkt oder durch das Leben geht. Was sie jedoch unterscheidet, ist ein gewisses Krisentraining oder ein für mich fast amerikanischer Pioniergeist, den sich jemand wie Kathi König durch die Wende gezwungenermaßen ganz anders zulegen musste als jemand im Westen. Diese Offenheit gegenüber ständigen Veränderungen macht sie so unwiderstehlich und auch erzählenswert.

COCKTA!L Warum haben Sie die Hauptrolle mit Gabriela Maria Schmeide besetzt?

Doris Dörrie Ich habe sie vor vielen Jahren in ihrem ersten Film Die Polizistin gesehen, den auch schon Laila Stieler geschrieben hatte, und war von ihr begeistert. Sie hat für mich eine ganz große Wahrheit in ihrem Spiel, die es sehr selten gibt.

COCKTA!L Zur Vorbereitung auf den Film Sie sind selbst im Fatsuit durch Berlin gelaufen. Wie haben die Leute reagiert und wie haben Sie sich gefühlt?

Doris Dörrie Ich war nach wenigen Stunden den Tränen nahe. Die Leute haben mich angestarrt und dann weg gesehen. Je schicker und teurer der Stadtteil war, in dem ich mich bewegt habe, umso mehr habe ich mich ausgegrenzt gefühlt, denn die Kilos steigen überall auf der Welt reziprok zum Einkommen. Ich bin mit Absicht in Klamottenläden in Mitte gegangen, wo es auf keinen Fall Kleider in Größe 58 gibt. Die Verkäufer haben sich versteckt, um dann hinter mir her zu lachen, als ich wieder gegangen bin. Ein Kind hat zu mir gesagt: Aus der Bahn, fette Sau! In der Straßenbahn habe ich wütende Blicke kassiert, weil ich nicht auf einen Sitz gepasst habe, in Supermärkten kam ich nicht durch das Drehkreuz am Eingang, wenn ich etwas gegessen habe, haben mich die Leute angestarrt, als wäre das nun wirklich das Letzte, dass ich überhaupt esse. Es war hoch interessant und sehr wichtig für mich, das zu erleben.

COCKTA!L Was haben Sie dadurch für den Film gelernt? ““

Doris Dörrie Ich habe nachvollziehen können, welche ungeheuren Kraft Kathi König jeden Tag aufbringen muss, um all dem entgegenzutreten und auch noch gut gelaunt zu sein. Der vermeintlich fröhliche Dicke ist wahrscheinlich ein sehr trauriger Dicker, der sich übermenschlich anstrengt, um nicht in Trübsinn zu verfallen.

COCKTA!L Wie glücklich sind Sie rückblickend damit, ein fremdes Drehbuch verfilmt zu haben?

Doris Dörrie Ich habe festgestellt, dass es nicht so sehr meiner Natur entspricht, Bücher anderer Autoren zu verfilmen, weil ich mit ihnen viel rücksichtsvoller und höflicher umgehe als mit meinen eigenen. Ich bin viel ruppiger zu einem → Drehbuch, dass ich selbst geschrieben habe. Dann gehe ich mit einer schlafwandlerischen Haltung an die Arbeit, die es mir erlaubt, mich als Autorin sofort zum Teufel schicken, sobald mir am Set etwas Neues einfällt. In diesem Fall habe ich mich dem Buch sehr verpflichtet gefühlt und hatte auch Angst, die Autorin zu enttäuschen. Zum Glück war Laila dann aber von den Mustern immer begeistert.

COCKTA!L Welche Freiheiten nehmen Sie sich beim Verfilmen eines eigenen Buchs heraus?

Doris Dörrie Ich schaue, welche Umstände mir die reale Situation schenkt und wie sie die fiktive Idee des Drehbuchs bereichern können. Ich will, dass die Realität in die Fiktion einzieht und nicht der Realität die Fiktion aufzwingen. Deswegen drehe ich nicht mehr so oft auf 35 Millimeter und nur noch mit einem möglichst kleinen Team. Das gibt mir die Flexibilität, jederzeit auf die Realität reagieren zu können.

COCKTA!L War das bei den Dreharbeiten zu Die Friseuse immer möglich?

Doris Dörrie Diesmal war es deutlich schwieriger, weil notwendige Dinge wie Perücken, Kostüm und Maske den Ablauf komplizierter machten. Wir mussten eine gewisse Logistik mitschleppen, auch wenn wir sie im Vergleich zu üblichen Dreharbeiten stark reduziert hatten. Trotzdem hatten wir oft die Möglichkeit, uns vollkommen frei zu bewegen: zum Beispiel im Einkaufcenter, das eine große Rolle spielt, und wo uns niemand mehr beachtet hat. Das Paradies auf Erden hatte ich bei meinem letzten Film Kirschblüten. Wir waren unterwegs und folgten einfach der Geschichte, die sich ins reale Leben warf. Das hat sich sehr tänzerisch und leicht entwickelt. Dagegen waren die Dreharbeiten diesmal erstaunlich Kräfte zehrend, weil wir jeden Tag wieder unsere dicke Dame stemmen mussten, die aus der Realität in die Fiktion gewandert ist. Das ist ein ganz anderer Prozess.

COCKTA!L Unter Ihrer Regie geht es am Drehort sehr ruhig zu. Gibt es nie Krach?

Doris Dörrie Ich dulde am Drehort kein Geschrei und keine Wichtigtuerei. Das wäre absurd. Wir haben das Privileg, auf einem Spielplatz zu sein und Dinge zu tun, die nur wenige Menschen ausprobieren dürfen. Diesen Luxus müssen wir genießen. Natürlich gibt es Filme, bei denen am Set Hass, Wut, Frust und Krieg herrschen und die dann trotzdem hinterher zu einem großen Erfolg werden. Aber ich finde das blöd. Ich will mich doch von der Situation inspirieren lassen, deshalb brauche ich am Set eine ruhige und freundliche Stimmung.

COCKTA!L Wie können Sie die erreichen?

Doris Dörrie Bei mir hat jeder ein Grundrecht auf gute Behandlung. Normalerweise führt jeder, der am Drehort steht, ein schreckliches Leben. Es sei denn, er ist der Hauptdarsteller oder der Regisseur. Alle anderen werden schlecht behandelt. Das gibt es bei mir nicht. Die Leute sollen sich wohl fühlen. Der fertige Film ist die eine Sache, aber unser aller Leben findet ja in dem Augenblick statt, in dem wir den Film drehen.

COCKTA!L Wann wissen Sie, ob eine Szene gut geworden ist?

Doris Dörrie Das ist fast schon eine buddhistische Aufgabe. Ich kann immer nur für den Moment entscheiden: Klingt alles richtig? Hat es einen tieferen Ton, der schwingt? Sieht alles richtig aus? Stimmen die Dinge oder sind sie aufgesetzt und künstlich? Ob der Zuschauer das später genauso empfindet, kann niemand sagen. Im Schneideraum kommt noch mal eine ganz neue Ebene dazu. Gerade bei Komödien gibt es oft das Problem, dass sich am Set alle totlachen und es hinterher im Kino ruhig bleibt. Den umgekehrten Fall gibt es auch: Bei Männer haben wir am Set gar nicht so viel über die Szenen gelacht und waren hinterher verblüfft, dass sie vom Publikum als so irrsinnig komisch empfunden wurden.

COCKTA!L Was ist das Geheimnis eines guten Films?

Doris Dörrie Ich kenne es leider nicht. Ich kann nur sagen: Es ist sehr einfach, einen Film zu machen. Aber es ist sehr schwierig, einen guten Film zu machen.

COCKTA!L Warum kommen gute Sozialkomödien wie Ganz oder gar nicht meist aus England und nicht aus Deutschland, wo es ähnliche Probleme wie Arbeitslosigkeit und sozialen Abstieg gibt?

Doris Dörrie Wir haben größere Schwierigkeiten, diese Probleme zuzugeben und offensiv mit ihnen umzugehen. Selbstironie bedeutet bei uns sehr schnell Schwäche. Wir empfinden Arbeitslosigkeit als einen so großen Makel, dass wir nur schwer Witze darüber machen können. Das täte uns aber natürlich gut, weil Humor immer bedeutet, dass man ein Fenster aufmacht und frische Luft herein lässt. Das ist für mich auch das wirklich Überwältigende an dieser Figur der Kathi König: ihre Fähigkeit, selbst in der miesesten Situation nicht den Humor zu verlieren.

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