
COCKTA!L 66/67 - Fairplay war gestern
ist
Eure dritte gemeinsame Zusammenarbeit. Was sind die Vorteile, wenn
man als Regieteam einen Film dreht? Wie ergänzt Ihr Euch?
Jan-Christoph Glaser Der Druck verteilt sich auf vier Schultern und persönliche Defizite lassen sich durch das Vier-Augen-Prinzip wunderbar ausgleichen. Wir fühlen uns zu zweit schlicht kompletter als alleine.
Carsten Ludwig In der Praxis sieht das dann so aus, dass ich mich am Set mehr mit den Schauspielern beschäftige. Dagegen hat Jan-Christoph früher viel als Cutter gearbeitet und kümmert sich besonders um die visuelle Ausrichtung des Films. Wichtige Entscheidungen werden aber immer gemeinsam getroffen.
COCKTA!L Carsten, Du bist in Braunschweig geboren, bist tatsächlich ein Eintracht-Fan und hast das Drehbuch geschrieben. War Deine aktive Fan-Zeit ähnlich exzessiv wie die der Protagonisten?
Carsten Ludwig Zwischen 1977 und 1988 hatte ich zwölf intensive Jahre als Eintracht Braunschweig Fan, in denen ich quasi kein Heimspiel verpasste habe und oft auch Auswärts mit dabei war. Ich war zu keinem Zeitpunkt Hooligan, allerdings - besonders bei den Auswärtsfahrten - Zaungast heftiger Fanausschreitungen. In den Achtzigern funktionierte das Sicherheitskonzept der staatlichen Einrichtungen noch längst nicht so reibungslos wie heute. Eine Faszination für diese Thematik, sei sie auch noch so fragwürdig, würde ich mir durchaus zugestehen. Richtig interessiert hat mich diese Welt aber nur bis ich Achtzehn wurde, danach geriet der soziologische Aspekt für mich mehr in den Fokus. Heute ist Hooliganismus für mich eine groteske und anachronistische Spielart des temporären Aufbegehrens gegen → Konformität und Mittelmäßigkeit. Ein Ausdruck von Hilflosigkeit, die mich bei überhöhter Betrachtung anrührt, im konkreten Fall aber anekelt.
COCKTA!L Abgesehen von den eigenen Erfahrungen, was hat
Euch noch für den Film inspiriert?
Carsten Ludwig Bücher über die Anfänge britischen
Hooliganismus und Gangfilme wie The Warriors
oder
Quadrophenia
, deren Wortwitz, Gruppendynamik und
Lebendigkeit wir schätzen. Aber auch Freundschafts- und
Beziehungsszenarien wie Der Tee im Harem des
Archimedes
von Mehdi Charef oder Los Tempo
von → Carlos Saura. Wichtig ist,
unser Film arbeitet auf zwei Ebenen: Der offensichtlichen (Fußball,
Hooliganismus, Freundschaft) und der etwas Versteckten,
Metaphorischen, der die Attitüde
Wir-definieren-uns-über-Gewalt-und-Snobismus
in
Windeseile pulverisiert.
Jan-Christoph Glaser Nach Detroit
, unserem
ersten gemeinsamen Film, der von der solistischen Irrfahrt eines
Borderliners handelt, hatten wir große Lust einen Ensemblefilm zu
drehen und in diese Fußballwelt abzutauchen. Wir waren neugierig
auf die Charaktere, ihre Art zu leben und zu denken.
COCKTA!L Warum spielt Gewalt eine so große Rolle in dem Film? Und wie geht man mit diesem Element um, damit es nicht verherrlichend rüber kommt?
Carsten Ludwig Hooliganismus bedeutet Gewalt, infolgedessen ist die Darstellung oder Andeutung von Gewalt unumgänglich. Uns war enorm wichtig, dass die Gewalt nicht zum Selbstzweck verkommt. Sie hat im Film eine dramaturgische Funktion und beschreibt den Zustand der Gruppe oder der einzelnen Mitglieder. Wir haben über jeden einzelnen Schlag debattiert, um die Gewalt spürbar zu machen, ohne ins Voyeuristische abzugleiten. Die Schauspieler haben dafür speziell trainiert, um die Verletzungsgefahr so gering wie möglich zu halten.
Jan-Christoph Glaser Am Ende wird aus der fairen, abgesprochenen Auseinandersetzung ein Gewaltrausch an der die Clique scheitert. Es wird deutlich, dass Gewalt keine Lösung ist. Die Jungs müssen aber erst ihren Weg gehen, damit sie es kapieren. Erst mit dem Scheitern besteht die Chance, dass sie sich neu erfinden.
COCKTA!L Welche Szenen waren eine besonders große Herausforderung für Euch?
Carsten Ludwig Massenszenen im Stadion. Wir hatten zu wenig Zeit, etliche Unwägbarkeiten und keine Chance der Wiederholung. Aber auch die Szenen mit hoher emotionaler Sprengkraft zählen dazu, wie das Finale in der Laubensiedlung, sowie die Auseinandersetzungen zwischen dem Liebespaar Florian und Özlem auf der einen und den Kumpels Florian und Otto auf der anderen Seite.
Jan-Christoph Glaser Die Szenen im Braunschweiger Stadion waren zwar schwierig zu drehen, aber dafür wurden wir mit herrlichen Publikumsreaktionen belohnt. Der Stadionsprecher in unserem Film, ist der echte Stadionsprecher der Eintracht. Und der Heiratsantrag wurde tatsächlich über die Lautsprecher und die Anzeigentafel ins Stadion übertragen. Viele hatten die erste Ansage, dass es sich hierbei um Dreharbeiten handelt, schlicht überhört. Und so haben sie alles für bare Münze genommen. Als wir den Antrag ein zweites Mal drehen mussten, dachten einige Zuschauer, dass der arme Depp es mit dem Antrag noch einmal probiert.
COCKTA!L Was war Euch an der Rolle von Otto, dem homosexuellen Fußballfan, besonders wichtig?
Carsten Ludwig Diese Figur bot uns zum einen die Gelegenheit mit einem gängigen Schwulen- aber umgekehrt auch Hooligan-Klischee zu brechen, zum anderen aber auch die langjährige Zusammenarbeit mit Christoph Bach um eine neue Dimension zu erweitern. Die Auseinandersetzung mit der Figur des Otto, gehört sicher für beide Seiten zum Spannendsten unseres bisherigen Schaffens.
COCKTA!L Abgesehen von Fußball, spielt Freundschaft eine
große Rolle in 66/67 - Fairplay war gestern
. Warum
haben die Jungs so große Schwierigkeiten mit dem Erwachsen werden?
Ist das repräsentativ für die heutige Generation der um die
Dreißigjährigen?
Carsten Ludwig Erwachsen werden gilt in unserer Gesellschaft als etwas extrem Erstrebenswertes. Nur stellen sich viele junge Leute bewusst oder unterbewusst die Frage: Wie geht das eigentlich? Wie soll ich leben und vor allem: Wie will ich leben? Für die 66/67-Clique bedeutet Erwachsenwerden erstmal das Gegenteil von Selbstverwirklichung, sie scheuen den deprimierenden Kreislauf von Arbeitssuche, Angst vor Verlust derselben, Freizeitgestaltung vor dem Hintergrund überschaubarer Möglichkeiten oder der Angst, sich auf eine Frau einzulassen. Ich denke, dass sich da viele Zuschauer irgendwo wieder finden werden.
Jan-Christoph Glaser Viele flüchten sich ja in die neue Sicherheit der Kleinfamilien. Unsere → Protagonisten wollen keine neue Familie, sondern ihre alte behalten. Sie zelebrieren sie als eine Art Überreizung der Jungendclique. Es war doch immer so schön, was sollen wir uns mit der neuen schillernden Welt jenseits der Stadtmauern auseinandersetzen? Natürlich vergessen sie dabei, dass nichts ewig währt. Die hundertste Wiederholung einer tollen Party, besetzt mit den gleichen Gästen, fühlt sich irgendwann nur noch hohl und leer an. Das → Phänomen scheint repräsentativ zu sein. Eine Lösung auf diese Frage können wir allerdings nicht anbieten.
COCKTA!L Glaubt Ihr, dass der Film auch junge Frauen interessiert? Und wenn ja, warum?
Carsten Ludwig Testscreenings haben gezeigt, dass die Akzeptanz unserer Geschichte bei Frauen sogar noch höher ist als bei Männern. Vielleicht deshalb, weil der Spiegel den wir uns - vor allem aber unserer Generation von Männern zwischen 30 und 35 - vorhalten, nicht gerade angenehme Bilder generiert. Es ist zum einen ein schonungsloser, in seiner Absurdität aber zugleich auch äußerst amüsanter → Exkurs männlicher Vorstellungen und Rituale, reflektiert und enttarnt von Frauen, die nicht weniger an der Sinnhaftigkeit ihrer Existenz zu knabbern haben. Nur machen sie das eben sehr viel konstruktiver, als wir Männer.
Jan-Christoph Glaser Weil hier ein ganzer Haufen gut aussehender junger Männer, und Ihr jeweils scheiterndes Lebensmodell durchgespielt werden. Vielleicht hätten sie weniger Probleme, wenn sie ihre Männerdominierte Welt gegen eine gesündere mit Frauenbeteiligung eintauschen würden?
COCKTA!L Mit Frisbee Films habt Ihr schon
zusammengearbeitet und auch teilweise mit den Schauspielern, die in
66/67 - Fairplay war gestern
dabei sind. Seid Ihr
Teil einer Filmclique?
Carsten Ludwig Yo, Familie macht stark. Oder sitzen wir hier dem gleichen Irrtum auf, wie unsere Protagonisten?
Jan-Christoph Glaser Clique klingt mir zu negativ und abgeschottet. Nein, es gibt und gab in unserer bisherigen Arbeit Personen, mit denen wir so sehr auf einer Wellenlänge liegen, dass wir immer wieder gerne mit Ihnen zusammenarbeiten. Es geht dabei um wechselseitige Inspiration. Das sich daraus eine Art Familie gebildet hat, ist ein schöner, durchaus gewollter, Nebeneffekt.





















