COCKTA!L Was macht eigentlich ein gutes Parfum aus?
Dustin Hoffman Zuerst einmal ist da die unverwechselbare Sinnesempfindung, der unmittelbare erste Eindruck, wenn jemand einen Parfumduft in die Nase bekommt. Zum anderen ist es im wahrsten Sinne die Persönlichkeit eines Parfums, die letztlich bestehen bleibt. Die Krönung allerdings bleibt die Seele eines Duftes, seine Musik, die am meisten über ihn aussagt. Eigentlich aber gilt diese Sichtweise - also der erste Eindruck, die Persönlichkeit und die Seele - letztlich für alles, was wir Menschen tun. Denn wir wollen doch in unsere Tätigkeiten so etwas wie Seele hinein geben, um unsere Mitmenschen von uns zu überzeugen oder sogar zu betören.
COCKTA!L Dazu gehört wohl auch der Prozess des Filmemachens?
Dustin Hoffman Sicher, denn gerade das Filmemachen hat etwas mit Zauberei zu tun. Nehmen wir zum Beispiel ein Flugzeug. Dieses technische Gerät sieht auf den ersten Blick überhaupt nicht danach aus, als würde es fliegen können. Und man ist überrascht, wenn es das schließlich doch tut. Ähnlich ist das Filmemachen, das anfangs ungemein technisch daherkommt und am Schluss doch so etwas wie Magie beinhaltet. Daher kann es gut und gern passieren, dass man nach einem vierzehnstündigen Drehtag plötzlich diesen einen ultimativen Moment verspürt, der allen Stress aufwiegt: wenn alles passt und wenn alle auf dem Set plötzlich miteinander verbunden sind. Eigentlich ist es dieser Moment, der mich am Arbeiten hält.
COCKTA!L Filmemachen ist also so etwas wie ein großes Happening?
Dustin Hoffman Ehrlich gesagt, Filmemachen hat
auch etwas mit dem familiären Aspekt zu tun, denn man arbeitet
täglich viele Stunden lang mit wirklich guten Menschen zusammen. Da
kommt dann auch schon mal so was wie Familienromantik auf! (lacht)
Und beim Drehen kam ja auch die meiste Hilfe von den Make-up- und
Kostümleuten, die sich mit unseren Charakteren eigentlich länger
beschäftigt hatten als wir Schauspieler selbst. 
COCKTA!L Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Ihnen und Baldini?
Dustin Hoffman Nun ja, Baldini lebt in der
ständigen Sorge, seine Zeitgenossen könnten herausfinden, dass er
eigentlich Düfte stiehlt
, um sein eigenes Parfum
herzustellen. Wenn man mich daher fragt, ob es Gemeinsamkeiten
gibt, muss ich ganz klar ja
sagen. Ich bin mein
ganzes Leben lang ein Dieb gewesen, denn Kunst ist irgendwie auch
Diebstahl. Ich wünschte also, ich hätte Baldini einmal getroffen,
um ihm zu sagen: Fühl dich nicht schuldig, denn wir alle
klauen doch.
(lacht)
COCKTA!L Wie ist die Beziehung zwischen Baldini und seinem Schützling Grenouille?
Dustin Hoffman Die Beziehung zwischen dem
Meister Baldini und dem Wunderkind Grenouille lässt sich gut mit
der von Mozart und Salieri in Verbindung setzen, wie es etwa in
Formans Film AMADEUS zu sehen war. Dort interagieren auf der einen
Seite das Genie Mozart und auf der anderen Seite der nur sehr
gute
Musiker Salieri, der dem Talent Mozart ständig
nachspürt. Das Verhältnis zwischen Baldini und Grenouille ist
ähnlich begründet, denn Baldini weiß zwar, wie man Parfum
herstellt, aber ihm fehlt das bestimmte Etwas, das nur einige
wenige Menschen ganz nach oben in den Olymp befördert.
COCKTA!L Wie beurteilen Sie Ihren Filmpartner Ben Whishaw in seiner Rolle?
Dustin Hoffman Ich lernte Ben erst bei den
Kostümproben kennen und bereits zu diesem Zeitpunkt konnte ich mir
vorstellen, warum Tykwer ihn ausgewählt hatte. Denn Ben Whishaw hat
diesen wilden
, ungezähmten Habitus, den auch sein
Charakter Grenouille besitzt. Diesen Habitus besitzt eben nur einer
von vielleicht 100.000 Schauspielern.
COCKTA!L Wie haben Sie Regisseur Tom Tykwer kennen gelernt?
Dustin Hoffman Ich mochte Tykwers Film
Lola rennt
sehr und daher rief ich ihn vor einigen
Jahren spontan an. Wir wurden Freunde - aber weiterhin nur am
Telefon. Irgendwann hörte ich von Tom, dass er den Roman Das
Parfum
verfilmen will. Das Buch hatte ich erstmals vor 20
Jahren gelesen und ich wollte gerne mitmachen.
COCKTA!L Wie arbeitet es sich mit Tom Tykwer?
Dustin Hoffman Er hat etwas von einem Besessenen und weiß genau, was er tut, und er bereitet sich sehr exakt auf seine Arbeit vor. Ich glaube, drei bis vier Jahre für Vorarbeiten sind bei ihm keine Seltenheit. Gleichzeitig hat er einen großen Respekt vor den Urteilen seiner Schauspieler, was bei einem Regisseur nicht zwingend vorhanden sein muss. Viele Regisseure bekommen diesen seltsam entrückten Blick in ihren Augen, wenn man mit ihnen über eigene Vorstellungen diskutiert. Aber Tom war immer aufgeschlossen, wenn ich eine neue Idee vorbrachte. Zwischen uns herrschte bei der Arbeit eine große Einigkeit.
COCKTA!L Und wie charakterisieren Sie den deutschen Produzenten Bernd Eichinger?
Dustin Hoffman Eichinger war von Anfang bis Ende des Projekts sehr intensiv dabei. Man merkte ihm an, dass er alles daransetzte, dass der Film wirklich gut wird - was nicht nur mit dem wirtschaftlichen Erfolg des Produkts gleichgesetzt werden sollte. Und diese Haltung ist sicherlich nicht selbstverständlich bei einem Filmproduzenten.





















