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Interview
Als Eheparagraphen den Beischlaf regelten
Von Constantin | 04. Oktober 2007    Drucken eMail
Ein Gespräch mit Marc Rothemund, dem Regisseur der Komödie Pornorama, die in diesen Tagen im Kino anläuft.

COCKTA!L Worum geht es in Pornorama?

Marc Rothemund Es geht um zwei ungleiche Brüder, die Ende der 60er Jahre glauben, dass sie zusammen mit ihren ebenso filmunerfahrenen Freunden auch einen jener sehr einfach gemachten, aber unglaublich erfolgreichen, so genannten Aufklärungsfilme herstellen können. Sie wollen keine Preise für Filmkunst gewinnen, sondern sie wollen - einfach nur so schnell wie möglich - an dem kommerziellen Sensationserfolg der sog. Aufklärungsfilme teilhaben. Nach dem Motto: Das können wir auch! Doch selbst dieses unterste Niveau des Filmemachens stellt sie vor ungeahnte Herausforderungen und Schwierigkeiten. So müssen sie schmerzhaft erfahren, wieviel Arbeit und Leidenschaft selbst vermeintlich einfache Filme erfordern und wieviel Improvisationstalent man immer wieder am Drehort aufbringen muss, um aus der Not eine Tugend zu machen. Und wie im wahren Leben spielen sich neben diesem großen Filmvorhaben natürlich auch private Dramen ab. Lug und Trug, Liebe und Leidenschaft, Geldnot und die Polizei im Genick machen es unseren Helden nicht einfacher. Vor allem für den jüngeren Bruder Bennie kommt es besonders dick. Nicht nur, weil sich der Polizeianwärter bei einem zivilen Observationseinsatz auf einer Demonstration für die sexuelle Befreiung in die wunderschöne und selbstbewusste Kommunardin Luzi verliebt und sich bei ihr und ihren WG-Freunden als idealistischer Filmhochschüler ausgibt. Sondern er muss auch noch die Regie bei dem von seinem großen Bruder Freddie erdachten Aufklärungsfilm übernehmen, weil er aufgrund seiner Ausbildung zum Polizeikameramann der Einzige ist, der sich mit Filmemachen auskennt. Doch auch sein älterer Bruder Freddie, das schwarze Schaf der Familie, der aufgrund seiner Schulden wegen eines schief gelaufenen, illegalen Anti-Baby-Pillen-Deals auf den schnellen, kommerziellen Erfolg seines Filmvorhabens angewiesen ist, hat es nicht leicht. Weder als Darsteller vor der Kamera, noch dahinter als Organisator.

COCKTA!L Neben der inszenierten Welt der 60er Jahre haben Sie auch auf originales Material zurückgegriffen, wie sind Sie dabei zu Werke gegangen?

Marc Rothemund Natürlich haben wir uns alle, Bernd Eichinger, Stephan Puchner, Granz Henman und ich, schon bei der Drehbucharbeit viele der damals überaus erfolgreichen so genannten Aufklärungsfilme angesehen. Man mag es kaum glauben, dass vor gut einer Generation Millionen von Kinobesuchern sich durch diese Filme aufklären lassen wollten, dass ihnen tatsächlich die einfachsten sexuellen Umgangsformen zwischen Mann und Frau auf der Leinwand im Kino erklärt wurden. Eine Zeit, in der Petting als Bedrohung Deutschlands angesehen wurde, als etwas Verwerfliches aus Amerika, vor dem man sich schützen müsse. Eine Zeit, in der die Pille nur für verheiratete Paare verschrieben wurde, der Eheparagraph den Beischlaf regelte und die Mindestlänge eines Rockes per Gesetz vorgeschrieben war. Wobei ich mir sicher bin, dass die meisten der Kinobesucher unter dem Tarnmantel der Wissenschaft nur die nackten Frauen und Männer und die Macher hauptsächlich Geld sehen wollten. Egal, ob ihnen ein Laiendarsteller, als Wissenschaftler verkleidet, erklärte, wo sich eine erogene Zone, z. B. die linke Brust befindet, oder dass die Frau beim Orgasmus mit dem Mann nicht Schritt halten kann. Da man sich die außergewöhnliche Zeit heute kaum mehr vorstellen kann, erwecken wir sie mit Original-Filmmaterial wieder zum Leben. Der Zuschauer wird mit unseren Hauptdarstellern, die sich für ihr eigenes Filmvorhaben inspirieren lassen wollen, einige der lustigsten Filmausschnitte der damals erfolgreichsten Aufklärungsfilme zu sehen bekommen. Eine absurde sexuelle Grundlagenforschung einer nicht allzu entfernten Zeit.

COCKTA!L Dabei war Ihnen anscheinend eine authentische Handschrift sehr wichtig?

Marc Rothemund Ich freue mich, dass so viele Mitarbeiter von Sophie Scholl wieder mit an Bord waren. Auch bei diesem Film war die gründliche Recherche und die detaillierte Vorbereitung für alle Mitarbeiter eine abenteuerliche Reise. Die Kostüme der 60er, die Musik, die Wohnungseinrichtungen, die Fahrzeuge, das konservativ-ängstliche Denken eines Großteils der Elterngeneration, die sexuelle Revolution der Jugend samt ihrer Suche nach einer eigenen Identität und nach eigener Freiheit begeisterte jeden in unserem Team. Viele von uns waren immer wieder überrascht, in welcher Welt unsere Eltern oder Großeltern aufwuchsen und rebellierten. Was den Drehablauf der Film-Amateure in unserem Film betrifft, haben Bernd Eichinger, Stephan Puchner, Granz Henman und ich viele selbst erlebte Begebenheiten aus unseren eigenen Filmerfahrungen einfließen lassen. Das ist für Außenstehende nicht nur von großem Unterhaltungswert, sondern zeigt auf, dass Leidenschaft auch immer Leiden schafft.

COCKTA!L Welches Publikum wollen Sie mit Pornorama erreichen?

Marc Rothemund Pornorama ist generationenübergreifend, für alle Kinobesucher, von jung bis alt. Diese charmante romantische Komödie wird die Jugendlichen zwischen 12 und 19 unterhalten, weil sie sich nicht nur über die immer gleichen Herausforderungen des Filmemachens amüsieren können, sondern auch Spaß daran haben werden, auf die merkwürdige Welt ihrer Eltern- und Großelterngeneration zurückzublicken. Ob damals ein Aufklärungsfilm oder heute ein kurzer Videobeitrag für youtube oder myspace, beides stellt die jeweiligen Filmemacher vor dieselben Herausforderungen, wie sie auch der 20jährige Bennie und sein 30jähriger Bruder Freddie in Pornorama vor und hinter der Kamera durchmachen müssen. Die 20 - 50jährigen werden sich genauso an den Sorgen und Nöten dieser Film-Amateure vergnügen, wie an dem Rückblick auf die Zeit, als ihre Eltern in dem Alter waren, in dem sie heute selbst sind. Eine Zeit, in der auf den zahlreichen Demonstrationen Parolen skandiert wurden wie, Hoch mit dem Rocksaum, bumbsen statt bombsen oder Wir haben ein Recht auf Orgasmus. Und die über 50jährigen werden schonungslos offen und brutal mit der Wahrheit über ihre eigene Zeit in den 60er Jahren konfrontiert. Sie werden sich mit unseren Filmhelden identifizieren können und eine Reise der Erinnerungen erleben, die ihnen rückblickend großes Vergnügen bereiten wird. Also ist für jede Generation, für jedes Geschlecht viel dabei. Unterhaltung und Aufklärung und eben die großen Gefühle, vor und hinter der Kamera. All das mit der kraftvollen Musik des gegenwärtigen DJ-Stars Mousse T., der zum ersten Mal überhaupt eine Filmmusik produzierte. Er komponierte rückblickend coolste, neue Musik der 60er Jahre, zu der heute noch genauso abgetanzt und gegroovt wird, wie damals vor 40 Jahren. Mousse T. hat einen sensationellen Soundtrack mit großen Hits geschaffen. Lebensfreude pur!

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