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Exlusiv Interview
In Extremo: Filmmusik wäre noch ein spannendes Thema für uns
Von Nadine Mellenthin | 04. November 2006    Drucken eMail
Zehn Jahre sind in der Geschichte von In Extremo vergangen. Die Mittelalterrock-Band aus Berlin gehört mittlerweile zum Erfolgreichsten, was die deutsche Musikszene auch international zu bieten hat. Mit dem Best Of Album Kein Blick zurück, das am 8. Dezember auf den Markt kommt, ziehen In Extremo Bilanz über das zurückliegende Jahrzehnt und werfen für chexx doch einen Blick zurück. Nadine Mellenthin sprach mit Kay Lutter von In Extremo.

COCKTA!L Hättet ihr vor zehn Jahren gedacht, mit der Kombination aus Mittelalter- und Rockmusik so erfolgreich zu werden?

Kay Lutter Dass es erfolgreich laufen würde hatten wir natürlich gehofft, denn wir waren von unserem Konzept überzeugt. Jeder einzelne von uns hatte vorher ja schon viel Kraft, Nerven, Geld und vor allem ja auch viel kostbare Zeit in sinnlosen Projekten vergeudet. Wahrscheinlich gehören diese Erfahrungen aber dazu. Dass es so erfolgreich wird hätten wir allerdings nie gedacht. International könnte allerdings noch mehr passieren, da kommt der Blumenstrauß leider etwas verfrüht.

COCKTA!L Wie wird man eigentlich Mittelalterrocker? Eine klassische Ausbildung gibt es dafür ja nicht.

Kay Lutter Man glaubt an sein Konzept und ist von seinen eigenen Ideen überzeugt. Wir hatten im Übrigen auch nicht vor als Mittelalterrocker in die Geschichte einzugehen. Unser Hauptanliegen war vielmehr die Idee exotische Instrumente mit einer klassischen Rockband zu verbinden und dann mal das Ergebnis abzuwarten... die Idee verschiedene Kulturen miteinander zu verbinden ist ja nicht sonderlich neu, aber wir wollten von Anfang an in den Rockbereich und wollten das Ergebnis auch mit einer Bühnenshow unterstreichen. Wir waren genervt von der vermeintlichen Coolness der Bands, die 90 Minuten stoisch im Halbdunkel auf der Bühne verharrten. Wir wollten etwas mehr anbieten. Am Anfang war es für uns vielleicht deshalb auch nahe liegend auf Lieder und Elemente aus dem Mittelalter zurückzugreifen, da ein Teil der Band als Spielmannsgruppe auf den Märkten präsent war. Allerdings ist Der Galgen, einer unser allerersten Songs, der es dann auch auf das Debütalbum geschafft hat, eine Bluesnummer aus den 40er Jahren - und somit unser modernstes Material. Ansonsten haben die meisten von uns eher den klassischen Werdegang eines Musikers hinter sich: Die erste Gitarre von den Eltern - Musikschule - erste Band - Studium...

COCKTA!L Was fasziniert euch am Mittelalter?

Kay Lutter Dazu hat wohl jeder eine andere Meinung. Mich fasziniert zum Beispiel die Figur des Spielmannes an sich - jemand, der von Ort zu Ort zog und Nachrichten und Geschichten verkündete. Mit etwas Phantasie kann man das sogar in die heutige Zeit übersetzen. Ansonsten sind viele Texte des Mittelalters natürlich sehr zeitlos. Aber wir wohnen auf keiner Burg, kochen das Essen über dem offenen Feuer oder brauen unser Bier selbst... wir benutzen Handys und Computer wahrscheinlich sogar mehr als der Durchschnittsbürger.

COCKTA!L Conny Fuchs war bis 1996 die einzige Frau und eine Mitbegründerin von In Extremo. Wie kommt es, dass seitdem keine neue weibliche Besetzung dazu gekommen ist?

Kay Lutter Wir haben eigentlich nie darüber nachgedacht, es hat sich einfach nicht ergeben. Aber mal ganz im Ernst: Im Rockbereich gibt es sehr wenige weibliche Instrumentalistinnen und der Platz am Mikrophon war bei uns schon vergeben. Das ist im Klassikbereich natürlich anders.

COCKTA!L Eure Texte sind zum Teil über 1000 Jahre alt. Ein wichtiger Fundplatz der Texte ist das mittelalterliche Textbuch Carmina Burana? Auf welche Quellen greift ihr noch zurück?

Kay Lutter Wir versuchen vor allem selbst kreativ zu sein. Das europäische Mittelalter ist als Quelle sicherlich eine Inspiration, aber bei weitem nicht die einzige. Wir haben z.B. 2001 auf Sünder ohne Zügel ein hebräisches Gedicht vertont. Wir möchten uns ungern auf ein Gebiet festlegen lassen und sind prinzipiell offen für alles.

COCKTA!L Um besonders kreativ zu sein, verschanzt ihr euch dafür an besonders inspirativen Orten (Burg / Kloster) oder bleibt ihr im Studio in Berlin?

Kay Lutter Du versuchst uns ja regelrecht auf das Thema Mittelalter festzunageln... Nein, da müssen wir leider enttäuschen: Keine Burgen oder Klöster. Wir sitzen völlig unromantisch in Berlin in unserem Proberaum. Ab und zu suchen wir uns auch ein paar neue Orte. Das Meer z. B. kann eine gute Inspiration sein, ebenso wie die Wüste. Wir wollten auch schon einmal in Malaysia ins Studio. Letztendlich sind wir nur bis nach Kroatien gekommen.

COCKTA!L Euer Repertoire reicht unter anderem neben deutsch von alt-französisch bis hin zu isländisch? Mal ganz ehrlich, beherrscht ihr die Sprachen alle perfekt!?

Kay Lutter Nein, wozu auch? Viele der Sprachen werden ohnehin nicht mehr gesprochen. Wer kann z. B. schon noch sagen wie Okzitanisch klang? Es geht uns vielmehr darum die Story rüberzubringen und vielleicht auch ein bisschen darum damit seine Wertschätzung vor dem Original bzw. dessen Hintergrund zum Ausdruck zu bringen. Außerdem finden wir es weitaus spannender als das omnipräsente Englisch. Ich finde es z. B. sehr traurig, dass die Charts in der Türkei, Indonesien, Chile, Japan und den USA nahezu identisch sind. Es ist ein Zeichen für kulturelle Armut. Das ganze dann möglichst in einer Art kompatiblem Easy English. Dabei haben wir alle unterschiedliche Geschichten und Hintergründe, die doch die Musik und Texte eigentlich viel spannender machen könnten. Ich habe 3 Jahre in Kuala Lumpur, der Hauptstadt Malaysias gewohnt und über die Zeit eine Menge asiatischer Musik gesammelt. Doch wenn z. B. ein singapurianischer HipHopper anfängt, über sein Ghetto zu singen, kriege ich einen Lachanfall!

COCKTA!L In dem Computerspiel Gothic hattet ihr 2001 euren ersten virtuellen Auftritt als Rockband und liefert mit dem Song Herr Mannelig die Hintergrundmusik zum Spiel. Wird es noch andere Projekte dieser Art geben - vielleicht hat Hollywood schon angefragt!?

Kay Lutter Man sollte Ideen, nur weil sie einmal gut funktioniert haben, nicht bis in alle Ewigkeit ausweiten. Aber eine Filmmusik wäre vielleicht wirklich noch ein spannendes Thema für uns. Wir sind offen für alles - und wurden 2001 nach diesem Projekt nicht nur dafür gelobt. Nach einiger Zeit relativiert sich das dann wieder und Gruppen wie Corvus Corax oder Schandmaul greifen diese Themen wieder auf. Für uns ist das nicht mehr interessant genug, es müsste ein neues Konzept her. Und wir wollen eigentlich weiter nach vorn blicken, nicht rückwärts...

COCKTA!L In Extremo tritt auf Mittelaltermärkten auf, ist aber auch immer mehr fester Bestandteil auf Festivals der Wave-/Gothic- und Metalszene. Wie erklärt ihr euch die Popularität bei solch einem breiten Publikum?

Kay Lutter Unser letzter Auftritt auf einem Mittelaltermarkt war im Oktober 2000, also vor etwas über 6 Jahren! Und vielleicht sind wir ja doch nicht die typischen Mittelalterrocker als die wir manchmal bezeichnet werden. Ich kann mit diesem Begriff einfach nichts anfangen! Vielleicht sind wir so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner zwischen Metal- & Gothicszene. Ich hätte nichts dagegen.

COCKTA!L Eure musikalischen Kreuzzüge führten euch durch ganz Europa und sogar die USA und Mexiko standen auf eurer Auftrittsliste. Könntet ihr euch auch eine Asien-Tour vorstellen?

Kay Lutter Nichts lieber als das! Leider haben wir noch etwas mit dem Desinteresse der zuständigen Plattenfirmen zu kämpfen.

COCKTA!L In eurer Bandbiografie ist zu lesen, dass euch besonders die Auftritte in Mexiko nachhaltig in Erinnerung geblieben sind. Warum?

Kay Lutter Das erste Mal ist es immer am schönsten! Wir hatten keine Vorstellung von diesem Land und waren deshalb sehr überrascht. Die Mexikaner waren außerdem besonders begeistert von unseren Songs in Latein bzw. Altspanisch sowie der Tatsache, dass endlich mal eine Band nicht in Englisch singt. Außerdem ist die Mentalität und Begeisterung der Mexikaner unbeschreiblich, das fiel besonders auf, da wir kurz zuvor ein paar Konzerte in den USA gaben.

COCKTA!L Jeder eurer sieben Bandmitglieder beherrscht mehrere Instrumente - wie z. B. Sitar, Taplas oder Pommer. Bringt ihr euch die Instrumente selbst bei und woher stammen die Instrumente?

Kay Lutter Einige der traditionellen Musikinstrumente erklären sich, wenn man denn ein gewisses Grundverständnis von Musik hat, von selbst. Den Rest muss man sich natürlich hart erarbeiten. Ein Teil der Instrumente, wie z.B. die Dudelsäcke, bauen wir selbst, andere wiederum wie die Sitar und die Nyckelharpa bringen wir von unseren Reisen mit. Teilweise werden die Instrumente von uns noch stark modifiziert, so dass sie mit dem Original im Grunde nur noch sehr wenig zu tun haben.

COCKTA!L Auf eurer USA-Tour beschwerte sich ein Veganer auf eurem Konzert über eure Lederkleidung und sogar über die original Pferdelederbespannung der Trommel? Gab es noch andere kuriose Zwischenfälle dieser Art oder war das eine Ausnahme?

Kay Lutter Ozzy Osbourne sagte nach der ersten US-Tournee von Black Sabbath damals, er würde sich nicht wundern, wenn die Leute demnächst mit einem Sarg zum Konzert kommen würden. Nein, das war schon eher die Ausnahme.

COCKTA!L In Extremo bedeutet zu guter Letzt bzw. in Vollendung. Eure Bandmitglieder heißen unter anderem: Das letzte Einhorn oder Flex der Biegsame. Wie seid ihr auf die Namen gekommen?

Kay Lutter Die Künstlernamen waren bei den Spielmännern im Mittelalter üblich, eine Tradition, die wir unbedingt übernehmen wollten. Jeder der Namen hat mit einer ganz bestimmten Geschichte zu tun, die teilweise sehr persönlich ist. Flex der Biegsame war z.B. lange bevor er zu In Extremo stieß auf einer Artistenschule. chexx Auf eurem Best of Album Kein Blick zurück wird es eine Bonus-CD geben, auf der In Extremo-Songs unter anderem von Götz Alsmann und Silbermond gecovert werden. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Kay Lutter Jede dieser Bands verbindet irgendeine Geschichte mit In Extremo, wir haben niemanden angefragt der mit uns nichts zu tun hat. Blind z. B. waren für eine ganze Weile unser Support, Silbermond haben wir auf einem Festival in der Schweiz kennen gelernt, Grave Digger arbeiten im selben Studio wie wir und Paul Raven von Killing Joke lernten wir als Musiker von Ministry ebenfalls bei unseren Festivalauftritten kennen. Es steckt also keinerlei Berechnung hinter der Auswahl.

COCKTA!L Gibt es noch andere Künstler, mit denen ihr gerne zusammenarbeiten würdet? Stichwort Marilyn Manson, Red Hot Chili Peppers.

Kay Lutter Da gibt es einige, aber oftmals ergibt sich eine Zusammenarbeit ja durch Zufall. Ich hätte mir gut eine Zusammenarbeit mit The Tea Party vorstellen können, da sie eine ähnliche Herangehensweise wie wir haben, jedoch mit einem völlig anderen Ergebnis. Große Bands tun sich bei einer Zusammenarbeit ja meistens schwer und bevor der erste Ton im Studio fällt, gibt es oft wochenlange zähe Verhandlungen zwischen den entsprechenden Plattenfirmen. Auch deshalb schließt man solche Dinge oft von vornherein aus. Uns interessieren eigentlich mehr Dinge, die vorher noch niemand gemacht hat. Ich könnte mir ein balinesisches Gamelanorchester gut vorstellen, südamerikanische Flötenspieler, Obertonsänger aus der Mongolei oder Showeffekte aus der chinesischen Oper. Etwas in dieser Art jedenfalls. Ein heimlicher Traum von mir persönlich wäre es noch, einmal eine In Extremo-Produktion von Jeff Lynne produzieren zu lasssen - aber da bin ich leider wohl der einzige.

COCKTA!L Ihr seid bekannt für die auf euren Konzerten verwendete Pyrotechnik. Wie beurteilt ihr den allgemeinen Trend, mehr denn je eine perfekte Bühnenshow abzuliefern, als gesanglich überzeugen zu müssen?

Kay Lutter Der visuelle Aspekt wird immer bedeutender, aber ob das ein Trend ist, weiß ich nicht. Kiss und Alice Cooper sind ja in den 70ern auch nicht unbedingt durch herausragendes Songwriting aufgefallen. Ich finde eine Bühnenshow wichtig. Der Spruch Bei uns sollen sich die Leute auf die Musik konzentrieren ist sicherlich für manche Bands richtig, bei Element of Crime z.B. kann ich mir auch keine Pyrotechnik vorstellen. Aber wenn Bands wie The Strokes (die ich ansonsten sehr gut finde) bei einem Ticketpreis jenseits von Gut und Böse nach 75 Minuten von einer kahlen Bühne kommen, finde ich das armseelig und nicht gerechtfertigt.

COCKTA!L In Extremo besteht mittlerweile seit zehn Jahren. Könnt ihr euch vorstellen, auch in 30 Jahren auf der Bühne zu stehen?

Kay Lutter Na ja, die Rente kommt ja erst mit 67, da müssen wir uns schon noch was einfallen lassen. Oder war das ein Wink mit dem Zaunpfahl?

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