
COCKTA!L Was macht den Reiz Ihrer Hauptstadt aus?
Clyde Kull Im Laufe des vergangenen Jahrzehnts
hat Tallinn einen enormen Entwicklungsschritt auf dem Weg zu einer
kosmopolitischen und modernen High-tech Metropole getan. Aber
genauso wie die Esten einerseits auf das zukunftsorientierte
Gesicht ihrer Hauptstadt stolz sein können, steht es andererseits
außer Frage, dass Tallinns wertvollster Schatz in einer Verbindung
zur Vergangenheit besteht, so dass Tallinns mittelalterliche
Altstadt als seine Kronjuwele
gelten kann. In
Anbetracht der Tatsache, dass es sich um die besterhaltene
mittelalterliche Stadt in Nordeuropa handelt, kam es keineswegs
überraschend, dass Tallinn im Jahre 1997 in die Liste des
Weltkulturerbes der Unesco aufgenommen wurde.
Martins Virsis Nicht umsonst wird oft die
lettische Haupstadt Riga die Perle des Baltikums
genannt. Seit seiner Gründung im Jahre 1201 hat die Stadt
wechselhafte kulturelle und politische Geschichte erlebt, die ihr
ein reiches Erbe an Bauten mit dem Antlitz der Gotik, des Barocks,
des Neoklassizismus und vor allem des prachtvollen Jugendstils
hinterlassen hat. Besuchen Sie Riga - es lohnt sich! 
COCKTA!L Wie würden Sie die Lebensart der Menschen in Ihrem Land beschreiben?
Clyde Kull Der Este ist höchstens in der
dritten Generation ein Stadtmensch und fast jede Familie hat auf
dem Land Verwandte, so dass zu den obligatorischen
Kindheitserinnerungen sicherlich auch die Sommer auf dem Lande
gehören. Andererseits ist der Este ein echter E-Este.
Es ist eine neue Denkweise
entstanden: als erstes
Nachschlagewerk dient jetzt in Estland das Internet. Die Schüler,
Studenten, Rentner - alle schauen im Internet nach, wenn sie eine
Frage haben. Es ist unter anderem auch möglich, die
Einkommenssteuererklärung über das Internet bei der Steuerbehörde
einzureichen. Seit 2003 können alle Schulen das von der Stiftung
Schau in die Welt
geschaffene webbasierte
Kommunikationsportal für Schule und Zuhause E-Schule
(E-kool
) benutzen. Ziel der E-Schule ist es, die
Eltern aktiver in den Lehrprozess mit einzubeziehen, die
Lehrinformationen für Kinder und Eltern zugänglicher zu machen und
die Arbeit der Lehrer und Schulleitungen zu unterstützen. So können
anhand der E-Schule die Noten und Fehlstunden der Schüler, die
Stundeninhalte und Hausaufgaben sowie die Einschätzungen der
Schüler durch ihre Lehrer am Ende der Lehrperiode eingesehen
werden. Im Juni 2005 waren der E-Schule 78 Schulen aus ganz Estland
(13% aller Schulen) angeschlossen, und jeden Monat kommen neue
hinzu. Die Estnische Regierung hat die Kabinettssitzungen auf ein
netz-basiertes System umgestellt, so dass diese nun
computergestützt durchgeführt werden können.
Martins Virsis Die Letten sind unternehmungslustig und haben eine positive Einstellung zum Leben. Deswegen, glaube ich, haben wir in den letzten Jahren in unserem Land so viel erreicht.
COCKTA!L Russland ist nicht weit und man hört viel von
russischer Mafia. Kann man unbesorgt in Ihr Land reisen? 
Clyde Kull Von russischer Mafia hört und sieht man in Tallinn nicht mehr als z. B. in Wuppertal in Deutschland.
Martins Virsis Nach Lettland kann man unbesorgt reisen. Da sollten die Reisenden sich keine Sorgen machen.
COCKTA!L Wenn man in Ihr Land reist, was sollte man sich nicht entgehen lassen?
Clyde Kull Die vier besten Jahreszeiten für die Estland-Reise sind der Sommer, der Herbst, der Winter und der Frühling. Es lohnt sich durch das ganze Jahr hindurch hierher zu reisen: im Herbst, um gemeinsam mit Freunden die mittelalterliche Altstadt in ihrer Pracht zu genießen, die internationale Küche und die trendy Clubs zu erleben. Im Winter wiederum reist man an, um zusammen mit der ganzen Familie auf den Pisten Südestlands Ski zu fahren. Im Frühjahr kommt man, um in einem der Naturschutzgebiete die Wandervögel zu beobachten oder sich in einem Spa-Wellnesshotel zu entspannen. Und im Sommer, wenn nicht schon früher, lockt das ganze Land die Besucher her.
Martins Virsis Lettland hat vieles zu bieten.
Bei dem Lettland-Besuch dürfte Riga keinesfalls vergessen werden.
Empfehlenswert wären auch die fast 500 km langen sandweißen Strände
sowie die schönen Landschaften in Vidzeme (dt. Livland). Besuchen
Sie die Livländische Schweiz
- mitten im
Gauja-Nationalpark gelegene malerischen Orte Sigulda und Turaida.
Ein lohnendes Ausflugsziel ist die Kleinstadt Kuldiga, die durch
einen der breitesten Wasserfälle Europas bekannt ist. 
COCKTA!L Was kostet in etwa ein normaler
Restaurantbesuch in Ihrem Land?
Clyde Kull Es gibt sehr verschiedene Preisklassen. Aber mit 250 - 300 estnischen Kronen (16 - 19 Euro) muss man schon rechnen. In estnischen Restaurants ist es üblich, dass die Dienstleistung in der Rechnung bereits enthalten ist, 10 % Trinkgeld ist jedoch zu begrüßen.
Martins Virsis Die Preise für eine Mahlzeit sind demokratisch - von ein paar bis zu mehreren Lats.
COCKTA!L Gerne würden wir noch einen Geheimtipp zu Ihrem Land von Ihnen hören!
Clyde Kull Die Sommerliche Sonnenwende ist der Höhepunkt des Jahres für alle Esten. Fröhliche Menschen feiern am 23. Juni um das Johannisfeuer auf der Wiese oder am Strand den Zauber der hellen Sommernacht, in der die Sonne nur für einen Augenblick untergeht. Genau in der Johannisnacht, so behauptet man, blühe das Farnkraut: diese in der Naturkunde unbekannte Blüte bringe dem, der sie findet, Glück und Reichtum.
Martins Virsis Das traditionsreiche Lieder- und
Volkstanzfest, dass alle fünf Jahre in Lettland stattfindet und an
dem sich mehrere tausende Menschen beteiligen, ist ein besonderes
Ereignis sowohl für die Touristen als auch immer wieder für uns
selbst. Übrigens - vielleicht schaffen Sie auf dem Lande einen
Schwarzstorch zu sehen. Rund ein Zehntel der seltenen Vögel dieser
Welt haben in Lettland ihre Heimat.
COCKTA!L Herr Botschafter, was sagt Ihnen die
Region Braunschweig Wolfsburg?
Clyde Kull Braunschweig ist ein Wahrzeichen der großen Geschichte: Heinrich der Löwe, die Hanse, kulturelles Zentrum der Aufklärung. Botschafter der nur 60 Jahre alten Stadt Wolfsburg fahren auf allen Straßen der Welt: Volkswagen.
Martins Virsis Als Erstes fällt mir der Automobilkonzern Volkswagen ein.
Fotos: Anette Glindemann




















