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Exlusiv Interview
Netzbasierte Kabinettssitzungen
Von Bernd Elmenthaler | 15. Oktober 2005    Drucken eMail
Es ist nun schon einige Jahre her, als sich der Eiserne Vorhang hob. Es gibt nicht mehr den starren Blick nach Norden, Westen oder Süden. Inzwischen strahlt auch aus dem Osten Charme und Schönheit. Nach Prag und Norwegen haben wir uns die Baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland angesehen. Wir stellten Dr. Clyde Kull, Botschafter der Republik Estland, und Dr. Martins Virsis, Botschafter der Republik Lettland, einige Fragen zu ihren Ländern.

COCKTA!L Was macht den Reiz Ihrer Hauptstadt aus?

Clyde Kull Im Laufe des vergangenen Jahrzehnts hat Tallinn einen enormen Entwicklungsschritt auf dem Weg zu einer kosmopolitischen und modernen High-tech Metropole getan. Aber genauso wie die Esten einerseits auf das zukunftsorientierte Gesicht ihrer Hauptstadt stolz sein können, steht es andererseits außer Frage, dass Tallinns wertvollster Schatz in einer Verbindung zur Vergangenheit besteht, so dass Tallinns mittelalterliche Altstadt als seine Kronjuwele gelten kann. In Anbetracht der Tatsache, dass es sich um die besterhaltene mittelalterliche Stadt in Nordeuropa handelt, kam es keineswegs überraschend, dass Tallinn im Jahre 1997 in die Liste des Weltkulturerbes der Unesco aufgenommen wurde.

Martins Virsis Nicht umsonst wird oft die lettische Haupstadt Riga die Perle des Baltikums genannt. Seit seiner Gründung im Jahre 1201 hat die Stadt wechselhafte kulturelle und politische Geschichte erlebt, die ihr ein reiches Erbe an Bauten mit dem Antlitz der Gotik, des Barocks, des Neoklassizismus und vor allem des prachtvollen Jugendstils hinterlassen hat. Besuchen Sie Riga - es lohnt sich!

COCKTA!L Wie würden Sie die Lebensart der Menschen in Ihrem Land beschreiben?

Clyde Kull Der Este ist höchstens in der dritten Generation ein Stadtmensch und fast jede Familie hat auf dem Land Verwandte, so dass zu den obligatorischen Kindheitserinnerungen sicherlich auch die Sommer auf dem Lande gehören. Andererseits ist der Este ein echter E-Este. Es ist eine neue Denkweise entstanden: als erstes Nachschlagewerk dient jetzt in Estland das Internet. Die Schüler, Studenten, Rentner - alle schauen im Internet nach, wenn sie eine Frage haben. Es ist unter anderem auch möglich, die Einkommenssteuererklärung über das Internet bei der Steuerbehörde einzureichen. Seit 2003 können alle Schulen das von der Stiftung Schau in die Welt geschaffene webbasierte Kommunikationsportal für Schule und Zuhause E-Schule (E-kool) benutzen. Ziel der E-Schule ist es, die Eltern aktiver in den Lehrprozess mit einzubeziehen, die Lehrinformationen für Kinder und Eltern zugänglicher zu machen und die Arbeit der Lehrer und Schulleitungen zu unterstützen. So können anhand der E-Schule die Noten und Fehlstunden der Schüler, die Stundeninhalte und Hausaufgaben sowie die Einschätzungen der Schüler durch ihre Lehrer am Ende der Lehrperiode eingesehen werden. Im Juni 2005 waren der E-Schule 78 Schulen aus ganz Estland (13% aller Schulen) angeschlossen, und jeden Monat kommen neue hinzu. Die Estnische Regierung hat die Kabinettssitzungen auf ein netz-basiertes System umgestellt, so dass diese nun computergestützt durchgeführt werden können.

Martins Virsis Die Letten sind unternehmungslustig und haben eine positive Einstellung zum Leben. Deswegen, glaube ich, haben wir in den letzten Jahren in unserem Land so viel erreicht.

COCKTA!L Russland ist nicht weit und man hört viel von russischer Mafia. Kann man unbesorgt in Ihr Land reisen?

Clyde Kull Von russischer Mafia hört und sieht man in Tallinn nicht mehr als z. B. in Wuppertal in Deutschland.

Martins Virsis Nach Lettland kann man unbesorgt reisen. Da sollten die Reisenden sich keine Sorgen machen.

COCKTA!L Wenn man in Ihr Land reist, was sollte man sich nicht entgehen lassen?

Clyde Kull Die vier besten Jahreszeiten für die Estland-Reise sind der Sommer, der Herbst, der Winter und der Frühling. Es lohnt sich durch das ganze Jahr hindurch hierher zu reisen: im Herbst, um gemeinsam mit Freunden die mittelalterliche Altstadt in ihrer Pracht zu genießen, die internationale Küche und die trendy Clubs zu erleben. Im Winter wiederum reist man an, um zusammen mit der ganzen Familie auf den Pisten Südestlands Ski zu fahren. Im Frühjahr kommt man, um in einem der Naturschutzgebiete die Wandervögel zu beobachten oder sich in einem Spa-Wellnesshotel zu entspannen. Und im Sommer, wenn nicht schon früher, lockt das ganze Land die Besucher her.

Martins Virsis Lettland hat vieles zu bieten. Bei dem Lettland-Besuch dürfte Riga keinesfalls vergessen werden. Empfehlenswert wären auch die fast 500 km langen sandweißen Strände sowie die schönen Landschaften in Vidzeme (dt. Livland). Besuchen Sie die Livländische Schweiz - mitten im Gauja-Nationalpark gelegene malerischen Orte Sigulda und Turaida. Ein lohnendes Ausflugsziel ist die Kleinstadt Kuldiga, die durch einen der breitesten Wasserfälle Europas bekannt ist.

COCKTA!L Was kostet in etwa ein normaler Restaurantbesuch in Ihrem Land?

Clyde Kull Es gibt sehr verschiedene Preisklassen. Aber mit 250 - 300 estnischen Kronen (16 - 19 Euro) muss man schon rechnen. In estnischen Restaurants ist es üblich, dass die Dienstleistung in der Rechnung bereits enthalten ist, 10 % Trinkgeld ist jedoch zu begrüßen.

Martins Virsis Die Preise für eine Mahlzeit sind demokratisch - von ein paar bis zu mehreren Lats.

COCKTA!L Gerne würden wir noch einen Geheimtipp zu Ihrem Land von Ihnen hören!

Clyde Kull Die Sommerliche Sonnenwende ist der Höhepunkt des Jahres für alle Esten. Fröhliche Menschen feiern am 23. Juni um das Johannisfeuer auf der Wiese oder am Strand den Zauber der hellen Sommernacht, in der die Sonne nur für einen Augenblick untergeht. Genau in der Johannisnacht, so behauptet man, blühe das Farnkraut: diese in der Naturkunde unbekannte Blüte bringe dem, der sie findet, Glück und Reichtum.

Martins Virsis Das traditionsreiche Lieder- und Volkstanzfest, dass alle fünf Jahre in Lettland stattfindet und an dem sich mehrere tausende Menschen beteiligen, ist ein besonderes Ereignis sowohl für die Touristen als auch immer wieder für uns selbst. Übrigens - vielleicht schaffen Sie auf dem Lande einen Schwarzstorch zu sehen. Rund ein Zehntel der seltenen Vögel dieser Welt haben in Lettland ihre Heimat. COCKTA!L Herr Botschafter, was sagt Ihnen die Region Braunschweig Wolfsburg?

Clyde Kull Braunschweig ist ein Wahrzeichen der großen Geschichte: Heinrich der Löwe, die Hanse, kulturelles Zentrum der Aufklärung. Botschafter der nur 60 Jahre alten Stadt Wolfsburg fahren auf allen Straßen der Welt: Volkswagen.

Martins Virsis Als Erstes fällt mir der Automobilkonzern Volkswagen ein.

Fotos: Anette Glindemann

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